Baby & Hund – zu riskant?

Seit Jahrtausenden leben und arbeiten Menschen und Hunde zusammen, begleiten Hunde auch unsere Kinder: Das Tier ist da, wenn sonst keiner Zeit hat, hört zu ohne ungeduldig zu werden, schimpft nicht über die Fünf in Mathe, kommt ebenso schmutzig vom Spielen zurück und tröstet in manch Situation, in der Eltern schlicht überfordert sind. Hunde bauen in Therapie Brücken zwischen Kind und Therapeut oder zeigen der Mutter lebensbedrohliche Krämpfe ihres Kleinkindes an.
Hunde sind weder „böser Wolf“ noch „Lassie“!
Hunde sind ernstzunehmende, sozial kompetente Lebewesen. Hunde sind aber auch Beutegreifer. Sie sind wehrhafte Tiere und in der Lage, Ressourcen zu verteidigen – z.B. ihr Territorium, Beute, Jungtiere, den Sozialpartner oder auch sich selbst. All das müssen wir wissen und ernst nehmen, um Hunde verantwortungsbewusst in unseren Alltag integrieren zu können.
Kommt ein Baby in die Familie, stellt dieses kleine Wesen zunächst alles auf den Kopf. Nicht selten ist der Familienzuwachs für den Hund eher kein Gewinn. War er bisher der Augenstern der kleinen Gemeinschaft, so zerstört plötzlich ein kleines schreiendes Etwas seine heile Welt. Er darf es nicht kennenlernen, erhält keine Chance, das kleine Wesen als Mitglied „seiner“ Familie zu begrüßen und zu akzeptieren. Wieso sollte er einem solchen Störenfried gegenüber positive Empfindungen entwickeln, wurde er doch gerade ins soziale Abseits gestellt?
Eine Schwangerschaft dauert neun Monate – Zeit genug, den Hund so auf die zukünftigen Veränderungen im Alltag einzustellen, dass er sein ganz normales Leben weiterführen kann, wenn das Baby da ist. Sollen in Zukunft andere Regeln gelten, lässt sich das langsam in die richtigen Bahnen leiten. Wer nicht ganz sicher ist, ob sein Hund dem zu erwartenden Baby wirklich wohlgesonnen ist, kann ihn in dieser Zeit leicht an einen gut sitzenden Maulkorb gewöhnen. Dieser wird für ihn so selbstverständlich angenommen wie ein Halsband und bietet die Möglichkeit, bestimmte Situationen entspannter anzugehen. Natürlich ist das keine Dauerlösung, bringt aber immerhin etwas Erleichterung.
Ist der Nachwuchs da, ist von Anfang an kontrollierter (!) Kontakt sinnvoll. Ein gesunder Hund stellt keine ernsthafte gesundheitliche Gefahr für ein Baby dar. An vielen Aktivitäten mit dem Nachwuchs kann er ganz selbstverständlich teilhaben, er kann beim Stillen und Wickeln daneben liegen und wird auch jeden Spaziergang mit Kinderwagen gern begleiten. Der Familienhund gehört zu dieser sozialen Gemeinschaft, er ist auf sie angewiesen. Im Normalfall  wird er alles tun, sie zu schützen und den kleinen Menschen sehr vorsichtig behandeln. Trotzdem sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass es ein Hund ist, der eben nur wie ein Hund agieren kann.
Das Krabbelkind dagegen stellt die Eltern vor ganz andere Aufgaben. Die Umwelt erforschend macht es vor nichts halt, fordert die Eltern mit der Energie täglich aufs Neue. Natürlich gehört auch der Vierbeiner zu dem was man „begreifen“ muss. Vorrausschauendes Agieren des Erwachsenen ist hier mehr gefragt denn je. Kein Hund muss sich darüber freuen, dass man ihm in Augen und Ohren puhlt, in die Nase oder die Pfoten beißt. Das Baby weiß noch nicht, wie andere Lebewesen empfinden, was richtig und falsch ist. Anweisungen und Verbote kann es nicht befolgen. Selbst der freundlichste Hund , der dem kleinen Welteroberer viele Freiheiten einräumt, immer wieder aus dem Weg geht, sich zurückzieht, kann irgendwann entnervt oder erschreckt sein, sich wehren, den Nachwuchs zurechtweisen. Er kann es aber nur so tun, wie es ein Hund eben tut. Die Verantwortung für alles, was zwischen Kind und Hund passiert, liegt immer beim Erwachsen.
Wollen wir die vielen positiven Eigenschaften unserer Hunde nutzen, müssen wir ihnen auch so viel Achtung entgegenbringen, dass wir sie als das betrachten, was sie sind: Hunde.

 

Quelle: Der Hund / Manuela van Schewick, Mutter von vier Kindern, züchtet seit 1996 Labrador Retriever und führt ebenso lange eine eigene Hundeschule, Schwerpunkt: Kommunikation Kind und Hund